Den Wandel üben

Den Wandel üben

Was macht den Meister…? Genau!
Unser Stirring-Paper zur Degrowth-Konferenz 2014 in Bild und Schrift.


Wer weniger Lust auf Text und mehr auf den visuellen Supergau hat, dem sei diese einfache Übersicht ans Herz gelegt. Die lassen wir manchmal bei Veranstaltungen rumliegen, man kann sie aber auch auf einem DIN A der eigenen Wahl ausdrucken (DIN A 3 wärmstens empfohlen): PDF.
Wer lesen mag (oder SEO mag) der kann jetzt einfach weiterlesen.


Zur erfolgreichen Gründung einer durch hohe Lebensqualität gekennzeichneten Degrowth-Gesellschaft bedarf es eines grundlegenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels und das sowohl auf Makro[1]– als auch auf Mikroebene[2]. Im vorliegenden Paper liegen die Mikroebene und der sogenannte Bottom-up-Ansatz im Fokus. Wenn es gelingt, das individuelle Produktions-, Konsum- und Interaktionsverhalten einer kritischen Masse[3] von Menschen entscheidend zu beeinflussen, so die Ausgangsthese, dann ist es möglich über diesen Weg eine Postwachstumsgesellschaft zu induzieren.

Stirrin Paper Visuell - Teil 1NEU

Zusätzlich wird angenommen, dass es bereits eine kritische Masse von Menschen gibt, die gewillt sind ihren Lebensstil dahingehend zu verändern, dass der globale Ressourcenverbrauch und das Konsum- und Produktionswachstum signifikant gedrosselt und die allgemeine Lebensqualität bedeutend erhöht werden kann. Die zentrale Aufgabe bestünde demnach nicht darin, eine ausreichende Anzahl von Menschen von der Notwendigkeit einer Rücknahme des Wirtschaftswachstums oder des grundlegenden Wandels zu überzeugen, sondern darin, ihnen die nötigen Anreize und Stützen zu bieten, um diesen Wandlungswillen auch umzusetzen. Ein allgemeiner Konsum- und Produktionsrückgang sowie eine Rücknahme des Wirtschaftswachstums würden sich als Konsequenz daraus ergeben.

Der gute Wille ist da, aber…

An der Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft, die einen verantwortungsvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen pflegt und mehr Menschen an ihren Erträgen teilhaben lässt, zweifeln die Wenigsten. So ergab eine bundesweite Umfrage, dass „acht von zehn Bundesbürger […]sich unter dem Eindruck der europaweiten Wirtschafts- und Verschuldungskrise eine neue Wirtschaftsordnung [wünschen]. Sie soll vor allem den Umweltschutz stärken, den sorgsamen Umgang mit Ressourcen sicherstellen und den sozialen Ausgleich in der Gesellschaft stärker berücksichtigen.[4]

Die Mehrheit scheint sich zudem – zumindest teilweise – auch selbst in der Pflicht zu sehen und ist bereit einen Teil zum nötigen Wandel beizutragen. Eine Forsa-Umfrage kam zum Ergebnis, dass „nachhaltiges Handeln […] den Deutschen besonders wichtig [ist]. Demnach versuchen 95 Prozent aller Befragten, möglichst viel Energie zu sparen. Beim Kauf von Haushaltsgeräten achten 91 Prozent auch auf einen niedrigen Energieverbrauch, und 79 Prozent kaufen gezielt Produkte wie Obst oder Gemüse aus der Region.[5]

Stirring Paper Visuell - Teil 2

Dieser gute Wille, einen nachhaltigen Lebensstil anzunehmen, kann sich aber offenbar bei vielen nicht so ganz durchsetzen, denn die Realität zeigt: Die Wirtschaftsweise bleibt in seinen Grundzügen unverändert und der kollektive wie auch der individuelle Ressourcenverbrauch steigen kontinuierlich rasant an.

Hindernisse: oder wieso der gute Wille nicht ausreicht

1. Ein Großteil der Befragten die in der oben genannten Umfrage angegeben haben, sie würden sich ein neue Wirtschaftsordnung wünschen, die den Umweltschutz stärkt, den sorgsamen Umgang mit Ressourcen sicherstellt und den sozialen Ausgleich in der Gesellschaft berücksichtigt, halten – wie die gleiche Umfrage ergab – wirtschaftliches Wachstum grundsätzlich für „sehr wichtig“ oder „wichtig“[6]. Aus Degrowth-Perspektive ist dieser Standpunkt natürlich absolut widersprüchlich: Wie kann wirtschaftliches Wachstum einen sorgsamen Umgang mit Ressourcen sicherstellen, wenn wir es doch als eine Hauptursache der globalen Ressourcenübernutzung identifiziert haben?
Das liegt möglicherweise daran, dass das heute vorherrschende Wirtschaftssystem durch eine Unmenge verschiedener, sich gegenseitig beeinflussender Faktoren bestimmt wird und die globalen Zusammenhänge durch das menschliche Gehirn nur schwer – vermutlich sogar gar nicht – in ihrer ganzen Komplexität erfasst werden können. Da kann es schon mal passieren, dass Menschen mit identischen Zielen zu sehr unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangen oder – mit der Komplexität der Sache konfrontiert – den Mut verlieren. Alleine der Wille einen ressourcenschonenden nachhaltigen Lebensstil führen zu wollen, beantwortet noch nicht die Frage, was einen nachhaltigen Lebensstil auszeichnet und wie man ihn für sich selbst umsetzen kann.

2. Zudem ist der Mensch ein Gewohnheitstier und greift überwiegend auf gewohnte Verhaltensmuster und Automatismen zurück, die ihm die Bewältigung des Alltags vereinfachen. Sich Automatismen abzugewöhnen geht meist nicht über Nacht; außerdem verlangt die Aneignung alternativer Verhaltensmuster oft auch neue Fähigkeiten, die man erst erlernen muss.

Stirrin Paper Visuell - Teil 3

3. Hinzu kommt, dass menschliches Verhalten in einem bestimmten sozialen, beruflichen und freizeitlichen Umfeld stattfindet, das auf das Individuum eine Reihe von sozialen, wirtschaftlichen und psychologischen Zwängen ausüben kann. Wer von heute auf morgen entscheidet sein Leben umzukrempeln, kann nicht unbedingt davon ausgehen, dass sein Umfeld auch gewillt ist, sich dem anzupassen. So läuft er/sie z.B. Gefahr sich mit guten Freunden und Bekannten oder gar vom/von der Lebenspartner/in auseinanderzuleben. Oder, wer im Beruf nur noch hundertprozentig ethisch vertretbare Tätigkeiten übernehmen will und/oder nicht mehr als 30 Stunden die Woche arbeiten will, läuft Gefahr gefeuert zu werden.

Die Umsetzung fördern

Diese Hindernisse gilt es abzubauen, wenn genügend wandlungswillige Menschen eine tatsächliche Transition hin zu einem nachhaltigen, ressourcenschonenden Lebensstil vollziehen sollen. Dabei wollen und können wir die Leute nicht dazu zwingen, ihr Leben so zu führen, wie wir es für richtig halten. Was wir tun können und sollten, ist die Menschen mit den Vorzügen eines nachhaltigen Lebensstils vertraut zu machen und ihnen auf dem Weg zu einem solchen Lebensstil Anreize, Anleitungen und andere Stützen anzubieten.

Richtlinien für ein gutes Leben

Wenn es zutrifft, dass die Umsetzung eines nachhaltigen Lebensstils bei einigen veränderungswilligen Menschen daran scheitert, dass sie von der Komplexität globaler Zusammenhänge in die „Irre“ geführt werden, bzw. sich von ihr überwältig und gelähmt fühlen, dann könnte die Ausarbeitung einer Art Leitfaden, der diesen Menschen in komprimierter, leicht-verständlicher Form zur Verfügung stünde, eine entscheidende Stütze bei der Umsetzung sein. Ein solcher Leitfaden würde umschreiben, wie ein nachhaltiger Lebensstil in etwa aussieht und vor allem wie man ihn sich aneignet. Ein gewisser Spielraum müsste natürlich gewahrt werden, da nicht jeder von den exakt gleichen äußeren Bedingungen ausgeht, aber eine Art anpassbare Schablone könnte entwickelt werden.

Übungsprogramme

Wie bereits angedeutet, heißt sich einen nachhaltigen Lebensstil aneignen vor allem auch, sich alte Gewohnheiten abzugewöhnen und alternative Verhaltensweisen regelrecht erlernen zu müssen[7]. Wer sein Auto aufgibt, muss so planen lernen, dass er/sie auch mit öffentlichen Transportmitteln oder ähnlichem zu seinem/ihrem Ziel kommt. Oder er/sie muss einen anderen Zeitvertreib oder Arbeitsstelle in der Nähe finden. Wer seinen regulären Job aufgibt, muss lernen mit weniger Geld zu haushalten und möglicherweise erlernen wie er/sie anders an das Nötige rankommt; es zum Beispiel selber herstellen oder reparieren kann. Ein leichter Zugang zu „Lernstätten des alternativen Verhaltens“ ist eine weitere wichtige Stütze hin zu einem nachhaltigen Lebensstil: Lerngruppen, Do-It-Yourself Festivals, thematische Feriencamps, ein an ein nachhaltiges Leben angepasste Schulcurriculum, etc.

Mainstreaming

Zu häufig wird ein nachhaltiger, ressourcenschonender Lebensstil Hippies und Aussteigern zugeschrieben und nur müde belächelt. Um sozialen, wirtschaftlichen und psychologischen Zwängen, die dem individuellen Verhaltenswandel im Wege stehen, entgegenzuwirken, muss ein nachhaltiger Lebensstil salonfähig werden. Ein Ansatzpunkt dahingehend, besteht darin, die veränderungswilligen Menschen miteinander zu verknüpfen, so dass sie erkennen können, dass sie nicht alleine dastehen und ein nachhaltiger Lebensstil nicht notgedrungen zu sozialer Ausgrenzung führen muss. Dazu eignen sich Austauschplattformen, online wie offline, Arbeitsgruppen, Hausprojekte, etc. Solche gemeinsamen Räume vereinfachen zudem gegenseitige psychologische Unterstützung und das gegenseitige vermitteln von neuen Fähigkeiten.

Damit diese Räume nicht lediglich zu einer Parallelgesellschaft werden, sollten sie möglichst offen sein und die Verbindung nach „Außen“ nicht kappen. Gemeinsame Degrowth-Kampagnen sollten dabei möglicherweise an Aspekten ansetzen, mit denen sich relativ viele Menschen identifizieren können. Zum Beispiel finden viele Menschen die sogenannte geplante Obsoleszenz absurd und verurteilenswert. Gleiches gilt für überdurchschnittlich lange Warentransportwege. Wenn genügend Menschen dazu gebracht werden können, solche Praktiken zu bekämpfen oder zumindest mit ihrem Verhalten nicht zu unterstützen, könnten sie dadurch einen verminderter Ressourcenaufwand und einen Konsum- und Produktionsrückgang mitbewirken, ohne notgedrungen bekennenden Wachstumskritiker sein zu müssen.

Wird dies wiederum von einer kritischen Masse von Menschen praktiziert, wird dieser Lebensstil auch salonfähig, bzw. er würde seinen alternativen Charakter verlieren und der Grad der Entfremdung und des äußeren Zwangs würde, für alle jene die den Wandel vollziehen wollen, deutlich geringer werden.

Stirrin Paper Visuell - Teil 4

Unser Beitrag

Anfang diesen Jahres haben wir von good:matters die Initiative ‚good:matters/goods:don’t – ein Jahr ohne Zeug’ gestartet. Dabei handelt es sich um die individuelle und kollektive Herausforderung ein Jahr lang keine Gebrauchsgüter zu kaufen.[8] Der einjährige partielle[9] Konsumverzicht soll eine Kritik am und Alternative zum derzeitigen Wirtschaftssystem und allgemeinem Konsumverhalten sein und gleichzeitig Anreize schaffen, um aus dieser neuen Situation heraus neue (Konsum-)Verhaltensmuster zu erwerben, die weniger ressourcenintensiv und weniger Arbeitskräfte ausbeutend sind. Zusätzlich bietet die begleitende Facebookseite die Möglichkeit die „Mitspieler“ über neue relevante Entwicklungen zu informieren sowie sich mit anderen auszutauschen.

Im Vordergrund unserer Initiative steht die Fragestellung: Was zeichnet einen nachhaltigen Lebensstil aus und mit welchen Mitteln (Anreize, Impulse und Tools[10]) kann eine kritische Masse von veränderungswilligen Menschen dazu gebracht werden bzw. dabei unterstützt werden, einen Wandel hin zu einem nachhaltigen Lebensstil zu vollziehen?


[1] gesellschaftliche Subsysteme (wie zum Beispiel das globale Wirtschaftssystem)

[2] das individuelle menschliche Verhalten und die direkten Beziehungen und Kontakte der Menschen zueinander.

[3] Harald Welzer geht in seinem neuesten Buch ‚Selbst denken – Eine Anleitung zum Widerstand’ davon aus, dass 3 – 5% der Bevölkerung ausreichen würden.

[6] Der Umfrage zufolge halten knapp 9 von 10 Befragten daran fest, wirtschaftliches Wachstum sei grundsätzlich „sehr wichtig“ oder „wichtig“.

[7] Niko Paech in dem Dokumentarfilm ‚Weniger ist mehr’: „Einen Lebensstil zu praktizieren der vereinbar ist mit einer Wirtschaft ohne Wachstum ist keine Willensbekundung, sondern ein Übungsprogramm.“

[9] partiell, weil auf den Verzicht von neuen Gebrauchsgütern begrenzt.

[10] Werkzeuge / Instrumente

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